Dokumentarfilm D

Regie: Luzia Schmid & Regina Schilling

Kamera: Johann Feindt, Hajo Schomerus, Jörg Adams
Schnitt: Barbara Gies

90 min

 
eine Produktion von zero one film im Auftrag des SWR und des HR

ausgezeichnet mit dem Grimme-Preis 2012

 

Im Sommer 2010 beherrschte ein Thema die deutschen Medien und Feuilletons: der Missbrauch an der Odenwaldschule. Es schien, als ob die gesamte deutsche Öffentlichkeit aufarbeiten wollte, was sie elf Jahre  zuvor versĂ€umt hatte: Dem nachzuforschen, was eigentlich seit November 1999 bekannt war. An der renommierten Odenwaldschule hatte der charismatische und bis in die höchsten Kreise der deutschen Gesellschaft vernetzte Schulleiter Gerold Becker Kinder missbraucht.
Viele verstörende Details sind im Laufe des Jahres 2010 ĂŒber den Missbrauch an der Odenwaldschule bekannt geworden. Der vorlĂ€ufige „Abschlussbericht“ der beiden AnwĂ€ltinnen, die die Ereignisse im Auftrag der Schule aufarbeiteten, verzeichnet mindestens 132 FĂ€lle seit 1969; allein der langjĂ€hrige Schulleiter Gerold Becker missbrauchte 86 Jungen, mindestens 6 andere Lehrer zĂ€hlen außerdem zu den TĂ€tern, die Dunkelziffer liegt vermutlich sehr viel höher. Die Frage, weshalb gerade an der Heppenheimer Vorzeigeschule Lehrer ĂŒber Jahrzehnte hinweg SchĂŒler missbrauchen konnten, weshalb so viele davon wussten und sich trotzdem nichts Ă€nderte, kann auch der Bericht nicht beantworten.  Aber er fordert die Lehrer und Verantwortlichen von damals auf, sich den drĂ€ngenden Fragen, warum sie nichts sahen und nicht handelten, zu stellen.


Zum ersten Mal beantworten nun Hauptverantwortliche fĂŒr die sogenannte „Vertuschung“ von 1998/99 vor der Kamera diese Fragen: Ihnen ging es vor allem darum, dass die  Schule keinen Schaden nimmt. Sie stand fĂŒr das „bessere Deutschland“. Zivilcourage und „Nie wieder Krieg“ waren die wichtigsten Maximen, die in der Nachkriegszeit an diesem Internat vermittelt wurden. In den 1960er und 70er Jahren war die Odenwaldschule ein Lieblingskind der ReformpĂ€dagogik und westdeutschen linksliberalen Bildungselite, die auch ihre Kinder dorthin schickte: die WeizsĂ€ckers, Dönhoffs, Dohnanyis, Neven Du Monts, um nur einige zu nennen.


Der Film spĂŒrt einerseits der Frage nach, was denn so schĂŒtzenswert an der Odenwaldschule war. Er untersucht auch, warum es so schmerzhaft ist, der  Wahrheit ins Auge zu blicken. Und ist somit auch ein Film ĂŒber menschliches Versagen und dem kolossalen Scheitern am eigenen Ideal. Andererseits zeigt er das große Leid, das den Opfern der sexualisierten Gewalt widerfahren ist. Betroffene wie JĂŒrgen Dehmers, der es durch seine hartnĂ€ckige AufklĂ€rungsarbeit schaffte, dass Hunderte von Opfern nach Jahrzehnten ihr Schweigen brachen, erzĂ€hlen ihre Geschichte. AltschĂŒler, die als Jugendliche Zeugen des Missbrauchs wurden, berichten, warum sie 30 Jahre lang schwiegen.

 
Die Autorinnen filmten bereits vor der großen MedienenthĂŒllung, als erste AufklĂ€rungsgesprĂ€che zwischen der Schule und Betroffenen stattfanden. Sie drehten auf der 100-Jahr-Feier der Schule im Sommer 2010, als ein unerhörter Versuch unternommen wurde: „Wahrheit. Ein Hearing“ hieß die Veranstaltung, in der Betroffene auf Lehrer trafen, die wussten, was an ihrer Schule passierte und trotzdem nicht redeten.
Nach der großen Medienlawine, die ĂŒber die Odenwaldschule hereinbrach, sammeln die Beteiligten des sogenannten „Skandals“ die Scherben auf.


Im Interview Ă€ußern sich u.a.:
JĂŒrgen Dehmers (Pseudonym), Betroffener
Wolfgang Harder, ehemaliger Schulleiter und Nachfolger von Gerold Becker
Benita Daublebsky, ehemaliges Vorstandsmitglied und Mitarbeiterin
Wolfgang Edelstein, ehemaliger Lehrer und emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts fĂŒr Bildungsforschung

Geschlossene Gesellschaft
Inhalt
Vorauswahl