Wer wenn nicht wir

Wer wenn nicht wir

Regie: Andres Veiel

FiktionFilmKino

Deutschland 2011
125 Min.

The Boy Who Was a King Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener in den Alpen

zero one film in Koproduktion mit SWR, Degeto, WDR, Deutschfilm, Senator Film Produktion.
Gefördert von FFA, BKM, DFFF, Medienboard Berlin-Brandenburg, MFG, FFHSH, Hessische Filmförderung.

Verleih: Senator Film Verleih
Weltvertrieb: The Match Factory

Weltpremiere: 17.02.2011, Internationale Filmfestspiele Berlin
Kinostart: 10.03.2011
TV-Erstausstrahlung: 17.07.2014, ARD

Trailer

Inhalt

Deutschland in den frühen 60ern. Noch ist das Land ruhig. Doch Aufbruch liegt in der Luft. Bernward Vesper (AUGUST DIEHL), Sohn des NS-Schriftstellers Will Vesper, kommt zum Studium nach Tübingen. Dort besucht er wie viele die Seminare von Walter Jens. Der Tübinger Gelehrte gehört zur Gruppe 47, die in der Nachkriegszeit großen Einfluss auf die Erneuerung der deutschen Literatur hat. Auch Bernward fühlt sich berufen, Dichter zu werden und hackt nachts auf seine Schreibmaschine ein. Der verrotteten Welt will er Sätze entgegen schleudern, um sie aus ihrer Erstarrung zu rütteln. Sein Motto: „Ich schreibe so, wie wenn man mit der Faust der Gesellschaft in die Fresse haut.“

Gleichzeitig verteidigt er seinen Vater, dessen Hitler-Verehrung 1942 in dem Gedicht „Dem Führer“ kulminierte: „So gelte denn wieder Urväter Sitte: / Es steigt der Führer aus Volkes Mitte … Herzog des Reiches, wie wir es meinen, / bist du schon lange im Herzen der Deinen“. Bernward hält seinen Vater für verkannt. Behutsam macht Walter Jens seinen hochbegabten Studenten Bernward darauf aufmerksam, dass die schriftstellerischen und moralischen Qualitäten seines Vaters nicht besonders hoch zu veranschlagen sind. Doch Bernward will davon nichts wissen.

Das Land, in dem Bernward lebt, die Bundesrepublik der frühen 60er Jahre, erstickt an der Vergangenheit. Der Krieg ist gerade 15 Jahre vorbei, alte Nazis zurück auf ihren Posten, über Kriegsverbrechen wird nicht geredet, die Republik steht stramm zur Demokratie. Die Atmosphäre ist drückend, Damenbesuch nicht erlaubt.

Nach kurzer Zeit lernt Bernward in Tübingen zwei junge Frauen kennen: Gudrun Ensslin (LENA LAUZEMIS) und deren Freundin Dörte. Zuerst ist Bernward Dörte zugetan. Doch als Dörte für einige Tage fort ist, kommen sich Gudrun und Bernward näher. Während er ihr aus Hans Henny Jahnns Roman „Das Holzschiff“ vorliest, in dem es um eine Dreiecksbeziehung geht, entkleidet sie sich und verführt ihn. Nach Dörtes Rückkehr praktizieren die Drei eine ménage à trois. Aufbruch liegt in der Luft.

Das Dreieck hält nicht lange, Dörte geht. Gudrun und Bernward sind verwandte Seele, sie suchen nach der Wahrheit hinter den Lügen. Es ist der Beginn einer extremen Liebesgeschichte: bedingungslos, maßlos, bis über die Schmerzgrenze hinaus. Gemeinsam brechen sie auf, um die Welt zu erobern.

Fortan teilen sie sich in Tübingen neben Tisch und Bett auch einen Alltag voller Widersprüche. Sie gründen einen Verlag, bringen eine Anthologie gegen den Atomtod heraus und verlegen gleichzeitig die völkischen Werke von Vespers Vater. Sie schwören sich Liebe, doch Vesper taumelt von einer Affäre zur nächsten, während Gudrun weder mit noch ohne ihn leben kann. Sie erlaubt ihm, mit anderen Frauen zu schlafen und sie mit in die gemeinsame Wohnung zu bringen. Doch sie leidet und fügt sich in selbstzerstörerischer Absicht größte Schmerzen zu. Um sich stärker zu machen, sagt sie zu Bernward. Und: „Ich will dich so lieben, dass du nicht mehr zu einer anderen Frau gehen musst.“
Sie machen einen Neuanfang und gehen 1964 nach West-Berlin. Mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutsches Volkes will sie eine Doktorarbeit über Hans Henny Jahnn schreiben. Ihre These zu Jahnn, vielleicht ein Schlüsselsatz, lautet: „Bei ihm verwirklicht sich die Liebe erst durch den Tod. Durch Gewalt, durch Mord wird es erst möglich, dass Sexualität gelebt wird.“

In der Mauerstadt, die sich damals als Stachel im Fleisch des Kommunismus versteht, werden sie Teil der linken Bohème. Sie treffen unter anderen auf den Schriftsteller Klaus Roehler (SEBASTIAN BLOMBERG), ebenfalls Mitglied der Gruppe 47, und mischen mit im Wahlkontor Deutsche Schriftsteller, das die Kanzlerkandidatur von Willy Brandt bei der Bundestagswahl 1965 unterstützt. Als die siegreiche CDU/FDP-Koalition 1966 zerbricht, bildet die SPD eine große Koalition mit der CDU und wählt das ehemalige NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger zum Kanzler. Enttäuscht und wütend wenden sich nicht nur Bernward und Gudrun von den Sozialdemokraten ab und der außerparlamentarischen Opposition zu. Hier kommen sie mit Politaktivisten wie Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann zusammen, die einen symbolischen Bombenanschlag auf die Gedächtniskirche planen, um das „knisternde Vietnamgefühl“ nach Europa zu bringen.

Gudrun und Bernward werden Teil eines Aufbruchs, der die ganze Welt erfasst hat: Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, Studentenproteste und Black Panther in den USA, Drogen und Rock ’n’ Roll. Das Rad der Geschichte dreht sich, und für einen Moment scheint es, als könnte man auch seine Richtung ändern: Wer, wenn nicht wir. Wann, wenn nicht jetzt.

Bernward verlegt weiter Bücher, politische Literatur, besonders interessiert er sich für den Black-Panther-Mastermind Stokely Carmichael. Bei einer Politveranstaltung in London schlägt Bernward Carmichael vor, seine Reden auf Deutsch herauszubringen. Carmichael antwortet: „I tell you what you can do: Go home, kill your wife, father and mother, then hang up yourself!“ Trotz dieser Abweisung fühlt sich Bernward dem Kampf der militanten Panther verbunden und überredet Carmichel schließlich. Er verdient am radikalen Schick, schreibt an seinem eigenen Roman und wirft Drogen ein. Gudrun aber reicht nicht mehr die Wahrheit hinter der Lüge, sie sucht nach der Konsequenz aus der Erkenntnis. Sie will nicht mehr reden, sie will handeln.

Als Gudrun schwanger wird und sie ein Kind bekommen, scheinen beide noch einmal zueinander zu finden. Doch dann taucht mit Andreas Baader (ALEXANDER FEHLING) ein anderer Mann auf, konsequenter, radikaler und bedingungsloser als Bernward. Für Bernward ist in dieser Konstellation kein Platz mehr, Andreas duldet Gudruns Kleinfamilienwelt nicht. Sie muss sich entscheiden. Alle drei werden von Fliehkräften einer Geschichte erfasst, die sie nicht kontrollieren können. Während sich Bernward auf einen langen Drogentrip begibt, seinen Roman „Die Reise“ schreibt und sich dabei im Wahnsinn verliert, katapultieren sich Gudrun und Andreas in den bewaffneten Untergrund. Einen Rückweg gibt es für keinen von ihnen.

Awards

Berlinale International Film Festival (Germany), 2012

Afred-Bauer-Prize

German Film Award, 2012

Best Film - Bronce Prize

Hessian Film Award (Germany), 2012

Best Film

Pune International Festival (India), 2012

Best International Film Award

Credits

Kamera: Judith Kaufmann
Schnitt: Hansjörg Weißbrich